Tag 4: Mitlödi > Schiers


Gesamte Tourdaten  
394 km – ↑ 11.788 hm – ↓ 12.305 hm – 5,5 Tage


Etappenlänge
77 km – ↑ 2.269 hm – ↓ 2.255 hm – Fahrzeit: 5:21 Std.


Zwischenstationen

  • Mitlödi
  • Sool
  • Engi
  • Matt
  • Risetenpass
  • Weisstannen
  • Mels
  • Landquart
  • Schiers
  • Unterkunft: Hotel Alpina

Tour Beschreibung

Über Nacht gab es ein kleines Gewitter, doch heute Morgen zeugt nur noch der aufsteigende Nebel vom Fluss und den Wiesen von dieser Naturgewalt. Die Sonnenstrahlen sind bereits früh um 8:00 Uhr sehr stark, sodass das Thermometer schnell auf 22 Grad steigt. Nach ausgiebigem Frühstück packen wir wieder zusammen, richten unsere Bikes her und los geht die Reise. Was uns heute erwartet ist der Risitenpass auf 2.129 Meter.

Zunächst überqueren wir eine Brücke und folgen dann einem kleinen Pfad am Fuße des Flusses Linth. Der Nebel zieht sich über das Wasser, im Schatten wird es frisch, es ist aber herrlich anzusehen. Die Strecke über Sool, Engi und Matt verläuft auf einem abwechslungsreichen und gut fahrbarem Forstweg. Ohne es richtig zu merken, haben wir so schon die ersten 500 Höhenmeter in den Beinen. Wir passieren die Glarner Hauptüberschiebung, eines der berühmtesten Geotope der Glarner Alpen und seit Juli 2008 im UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen. 

Die Besonderheit: Ältere Gesteinsschichten liegen «über» den Jüngeren, hervorgerufen durch die Aufspaltung der Alpen.

In Matt füllen wir unsere Flaschen an einem Dorfbrunnen auf. Jetzt steht der steile Anstieg ins Chrauchtal an, so jedenfalls kann man es auf der Landkarte erkennen. Es ist ein feiner Schotterweg, der sich steil am Berg empor hangelt. 22% Steigung sind keine Seltenheit, ab und zu heißt es Schieben, dennoch geht es erstaunlich gut. An einer Absperrung des rechten Wegrandes gleitet unser Blick hinab in den Abgrund. Links eine Felswand, von dort oben sind anscheinend einige Steinbrocken herabgestürzt und haben Teile des Weges zerstört. Wir fahren links an der Absperrung vorbei und hoffen, dass keine weiteren Felsstücke herunter kommen. Wir erreichen eine Hochebene, die alle Schönheit der Natur in sich vereint: Saftige grüne Wiesen, steile imposante Berggipfel die bis in den wolkenlosen Himmel ragen, eine Almwirtschaft und wir mitten drin – traumhaft. Ein Dokumentarfilm über die Alpen könnte es nicht besser einfangen.

Unser Blick geht nach rechts hinauf und wir staunen nicht schlecht. Eine steile Bergflanke und ein kaum erkennbarer Passübergang. Der Weg soll doch tatsächlich dort hinauf gehen. Wir schauen uns verdutzt an. Zunächst geht es auf sehr steilem Schotterweg auf die Alp Riseten, die unterhalb des Risitenpass das Tor zum Übergang darstellt. Wir stellen die Räder ab und machen erst einmal Rast. Hier oben treffen wir keine Menschenseele an, ein Brunnen plätschert rechts, links am Haus eine hölzerne Tafel die beschreibt, wie hier in der Nähe im Winter der 1920er Jahren ein Schweizer Flugpionier notlanden musste und sich mit gebrochenen Beinen bis nach Matt retten konnte. Was der Mensch in Not alles zu leisten vermag, Respekt!

Unsere Riegel, die teilweise mit einem Schokoladenguss überzogen sind, weichen in der Hitze total auf. Man bekommt sie zwar auf, dann beginnt aber die große Sauerei. Wir schmeißen die Riegel einfach in den Brunnen, der ist kalt genug, und binnen einer Minute sind sie total hart und man kann sie wie gewohnt essen. Wasser tanken wir auch auf, kühlen uns etwas ab und bereiten uns seelisch und moralisch auf den Aufstieg vor. Ein breiter Almweg führt uns hinauf, für uns nur teilweise und wenn nur mit großer Anstrengung fahrbar. Nach einer Linkskehre beginnt der Ernst des Lebens und der Spaß hört auf. Ein gnadenlos steiler Anstieg auf einem sehr kleinen Trampelpfad liegt vor uns. Selbst ohne Bike ist dieser Übergang eine Herausforderung. Das Bike schieben? Teilweise zwecklos. Der Weg ist sehr oft einfach nur zu schmal, da kann man gerade mal so laufen. Wir befinden uns auf einer Höhe von 1.880 Meter. Auf dem nächsten Kilometer müssen wir 600 Höhenmeter überwinden!

Der Pfad ist so steil, die Wiesen teilweise hochgewachsen, dass man sein Bike um die Kurven herum wuchten muss. Immer öfter legen wir eine kleine Verschnaufpause ein. Drei Kühe haben sich hier her verirrt, wollen uns nicht passieren lassen. Selbstbewusst laufe ich direkt auf sie zu und irgendwie muss ich schon Angst einflößend sein, denn der Satz war gewaltig, den die Viecher gemacht haben. Vielleicht war es auch nur der Gestank, den ich ausdünste, wer weiß, wer weiß! Meter für Meter klettern wir empor. Es ist einer der steilsten Anstiege, den wir in unserem Bikerleben bisher erklommen haben. Immer wieder das Rad mal auf die linke, dann auf die rechte Schulter wuchten, so geht es in kleinen Serpentinen hinauf. Leider zeigen Bilder oft nicht die brutale Steigung, aber beeindruckend ist das doch, oder?

2.189 Meter, zwei erschöpfte aber überglückliche Biker, die einen grandiosen Blick über die gewaltigen Berge als Belohnung bekommen, stehen auf dem Gipfel des Risetenpass. Das war hart, eine der verblocktesten und steilsten Anstiege, die wir bisher erlebt haben. Das Steile ist nicht so schlimm, aber andauernd das Bike tragen, umheben und wieder absetzten um Luft zu schnappen und um die Kurven zu kommen, das macht fertig und kostet Kraft. Insgesamt hat das nur eine Stunde gedauert, doch irgendwie kam es uns wie eine Ewigkeit vor. Vergletscherte und noch schneebedeckte Bergspitzen in der Ferne, unendliche Weiten, einfach nur toll. Wir überblicken die geniale Schweizer Bergwelt von Chur bis Davos. Dort kommen wir übrigens morgen vorbei. Ein traumhafter Pfad hinab lässt unsere Herzen höher schlagen und alles Anstrengende ist schnell wieder vergessen!

Viele Fotos später, genießen wir den Trail, der fast komplett fahrbar ist. Vor einem schlängelt sich der Weg hinab, links der Blick ins tiefe Tal, rechts die Berggipfel, so könnte es ewig weiter gehen. Ab und zu wird der Weg so schmal, ich schätze so 20 Zentimeter, dass schon etwas Angstschweiß dabei ist, beim Blick in die Tiefe. Der Pfad mündet zunächst auf einen engen Schotterweg, dann in eine leicht verblockte Wiese. Auch wenn der Weg nicht immer sofort auffindbar ist, macht das alles einen tierischen Spaß! Es ist sehr warm, schweißtreibende 28 Grad, wenn es hier regnet, dann ist diese Piste eine reine Schlammschlacht. Wir genießen jeden Meter im Trockenen bergab, da hat sich der Aufstieg bei so einer geilen Abfahrt zu einhundert Prozent gelohnt. Es ist genau unser Ding, nicht zu verblockt, mit Flow am Berghang hinab gleiten. Spitze!

So schwer der Aufstieg zum Risitenpass auch war, die Abfahrt und der Blick in die tiefe weite Bergwelt hat alles wieder entschädigt und diesen Tag zu einem ganz besonderen Erlebnis gemacht. Vorbei an der Alp Obersiez im Weisstannental rauschen wir tiefer, erreichen die Alp Siez und gönnen uns dort eine Pause: Frischer Apfelmost und eine deftige Schinken- Käse- Platte. Es ist eine der größeren Alm. Hier werden in einer modernen Sennerei in einem Sommer beinahe 20.000 kg Käse in verschiedenen Sorten hergestellt! Dazu kommen viele verschiedene Milchprodukte. Über 40% der Produkte werden direkt auf der Alp Siez vermarktet. Wir lassen es uns schmecken, bevor es frisch gestärkt weiter geht.

Der Rest bis zum Etappenziel ist reines Pflichtprogramm: Am Radweg entlang über Mels nach Bad Ragaz, dort über den Rhein und immer dem Fluss folgend auf schönem Schotterweg bis nach Landquart. Es wird immer wärmer, uns tut der «Allerwerteste» weh, was bedeutet, eine kleine Pause einzulegen. Da fährt man Kilometer lang über Trails und Waldwege, aber wehe, wenn es mal ein längeres Stück immer gerade aus und eben geht, spielt unser Hinterteil verrückt. Das ist bei Jürgen genauso wie bei mir. Schon komisch.

In Landquart nehmen wir Abschied vom Rhein und folgend dem Radweg bis nach Schiers, unserem heutigen Etappenziel. Es zieht sich ewig hin, es ist heiß, der Körper verlangt nach Ruhe und 10 Kilometer weiter bekommt er seine verdiente Entspannung im Hotel Alpina. Einchecken und erst mal duschen, dann ein wenig aufs Bett gelegt, relaxt und das heute Erlebte verarbeiten. In Gedanken erleben wir nochmals den schweren Aufstieg zum Risitenpass und die herrliche Abfahrt auf der anderen Seite. Der Magen fängt an zu knurren, Zeit fürs Abendessen. Ein leckeres 3-Gängemenü und ein kühles Weizenbier spüren den Schlag nicht. Die Halbpension hat sich auch hier gelohnt, ein tolles, wohl proportioniertes Essen. Wir sind satt, auch wenn der Kellner nochmals Nachschlag reichen will.

Wir benötigen jetzt zur Lockerung unserer Muskulatur einen Spaziergang. In Schiers am Bahnhof finden wir einen tollen Biergarten, es ist noch warm, ein weiteres Blondes gehört somit uns. Wir erzählen uns gegenseitig vom heutigen Tag, wie jeder persönlich diese Tour empfunden hat. Die Sonne ist verschwunden, der Mond leuchtet am Firmament, es wird Zeit, wir machen uns auf den Rückweg ins Hotel. Man, war das ein anstrengender aber lohnender Tag heute – klasse!

 


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