Tag 2: Martelltal -> St. Walburg


Gesamte Tourdaten
252 km – ↑ 9.792 hm – ↓ 10.617 hm – 5 Tage


Etappenlänge
71km – ↑ 2.070 hm – ↓ 2.915 hm – Fahrzeit: 6:08 Std.


Zwischenstationen

  • Martelltal
  • Naturns
  • Naturnser Alm
  • Innerfalkomaialm
  • Innerdurach
  • St. Walburg
  • Unterkunft: Aktiv Hotel Pöder

Tour Beschreibung

Werden wir wieder so viel Glück mit dem Wetter haben wie gestern? Ja! Der Blick aus dem Fenster verrät uns: Es soll wieder ein toller Tag werden. Heute wird ein vermeintlich leichter Tag, zumindest auf dem Papier: 55 Kilometer mit 2.090 Höhenmeter auf die Naturnser Alm und dann weiter zur Innerfalkomaialm. Der Rucksack steht vollgepackt bereit, ein kurzer Check an den Rädern und nach einem tollen Frühstück begrüßen wir den neuen Tourtag.

Zunächst geht es erst mal weiter, wo wir gestern aufgehört haben: Abwärts auf einem schönen Schottertrail mit Übergang auf einen breiteren Schotterweg bis wir letztendlich auf dem Radweg Richtung Naturns unterwegs sind. Die Sonne sticht, wir lieben es. Jürgens Fahrradcomputer hat gestern seinen Geist aufgegeben, auch ein Batteriewechsel hat nichts gebracht. In Latsch kommen wir an einem Bikeladen (Maxx Bike Eldorado) vorbei und nutzen die Gelegenheit. Doch nix zu machen, auch ein erneutes Wechseln der Batterie hilft nicht, aber ich habe ja meinen bezüglich der Aufzeichnung noch. Alles ist gut und wir gleiten in der Sonne zwischen den vielen Apfelplantagen des Vinschgaus

Die Ferienregion Vinschgau ist ein Hochalpental zwischen Kastelbell Tschars und dem Reschenpass. Sie ist besonders durch ihre geringen Niederschläge gekennzeichnet. Ursachen dafür sind die imposanten Bergketten: die Ortler-Cevedale Gruppe (Ortler 3.905 Meter, der höchste Berg Südtirols) und die Ötztaler Alpen, die die Wolken aufhalten. Das Klima bietet also ideale Voraussetzungen für Biker und Naturliebhaber. Überall wird man vom milden und sonnenreichen Klima dieser Landschaft begleitet, das im Hochsommer erfrischend wirkt und im Frühjahr und Herbst wohlige Wärme spendet.

Linker Hand sehen wir auf dem Berg das Schloss Juval von Reinhold Messner, dem berühmtesten und besten Bergsteiger der Welt. Seit 1983 ist die Burganlage der Wohnsitz von ihm, der mehrere Kunstsammlungen dort untergebracht hat: Eine umfangreiche Tibetika Sammlung, eine Bergbildgalerie und eine Maskensammlung aus fünf Kontinenten. Für eine Besichtigung haben wir leider keine Zeit. In Naturns machen wir erst mal halt für eine Pinkelpause, muss ja schließlich auch mal sein. Diese Gegend hier ist ein idealer Ausgangspunkt für Mountainbike- oder Rennradtouren.

Tipp: Die Rad- und Mountainbike-Karte Naturns fasst das bunte Angebot für Mountainbiker und Genussradler in der Umgebung nochmals zusammen und ist mit ihrem ausführlichen Kartenmaterial, den detaillierten Tourenbeschreibungen mit Kilometer- und Höhenmeter-Angaben und vielen weiteren nützlichen Informationen ein idealer Begleiter für Ihren Bike-Urlaub in Naturns. Die Karte ist im Tourismusbüro erhältlich.

Eine schatten spendender Baum, eine Bank zum Ausruhen und eine Wassertrog laden zur Pause ein. Wir füllen unsere halb leeren Flaschen mit leckerem Quellwasser, schütten ein bisschen Getränkepulver hinzu. Der Blick folgt einem kleinen Sträßchen, dass sich dem vor uns liegenden Berg empor schlängelt und wir staunen nicht schlecht über die Methoden der Apfelbauern, ihre hohen Bäume zu bearbeiten. Die nächsten 7 Kilometer werden auf einer kleinen, kurvenreichen Bergstraße absolviert. Die durchschnittliche Steigung von 9,5% ist hart, aber es geht noch. Dann folgen weitere 7 Kilometer mit 9%, diesmal aber auf Schotter. Sehr anstrengend, aber auch für uns ist alles fahrbar. Dennoch machen wir ab und zu mal eine «Popo-Pause», erlaben uns am frischem Quellwasser und genießen die Aussicht. Zwischendurch vergessen wir natürlich nicht, das Bergpanorama in Fotos einzufangen. Nach bewältigten 1.400 Höhenmetern werden wir auf der Naturnser Alm mit einem faszinierenden Rundblick auf den Naturpark Texelgruppe, die Ötztaler Alpen, die Dolomiten und die Ortlergruppe belohnt.

Man merkt schon, dass die Gegend hier zum absoluten «Klassiker» unter den Mountainbike-Touren gehört, denn wir treffen einige Biker, die Tagesausflüge unternehmen. Mit Alpencross Gepäck haben wir keine Weiteren getroffen, sind wir wohl zur Zeit die einzigen auf dieser Route. Na dann, machen wir doch erst mal eine Pause und gönnen uns einen leckeren Cappuccino. Das scheint unser Standardgetränk auf dieser Tour zu werden. Die Trikots zum Trocknen auf die Bank gelegt, die Schuhe aus und Füße baumeln lassen, ja Jürgen, wir haben Urlaub! Eine Apfelsaftschorle später treffen wir auf einmal Jörn, der mit uns vor Wochen in Freiburg ein Fahrtechniktraining absolviert hat, welch ein Zufall. Er macht sich schon für die Abfahrt fertig, wir wechseln ein paar Worte und wünschen uns gegenseitig noch viel Spaß!

Apropos Fahrtechnik. Wir haben solch einen Kurs auch zum ersten Mal absolviert und können es jedem nur empfehlen. Man lernt so viel Tricks und Kniffe, es sind ja oft die Kleinigkeiten, die einem dann das Bikerleben versüßen. Wir fahren seit dem viel sicherer und öfter auch schneller die Trails hinab und trauen uns viel mehr zu! 

Ein paar Fotos später und wir setzen unsere Tour fort. Also alles wieder anziehen, die Bikes geschnappt und erst mal einen kurzen Stutzen durch eine Wiese hoch geschoben. Auf den nächsten 10 Kilometer ist laut Karte ein rot gestrichelter Wandertrail aufgezeichnet. Wir sind gespannt, was da auf uns wartet. Ein wirklich schöner Weg führt uns durch einen kleinen Wald, dann hinaus auf Weideflächen und er wird immer enger und entpuppt sich als toller Almtrail. Auf circa 2.000 Meter haben wir einen tollen Blick über die Berge und Täler Südtirols. Das Vigiljoch mit seinen sanften Hängen, seinem weiten Blick und seinem herrlichen Bergpanorama lädt zur kurzen Fotopause ein.

Später führt der Weg weiter, anfangs ein sehr gut fahrbarer Trail, der aber zunehmend mehr verblockt wird und uns zum Absteigen zwingt. Der Trail nimmt seinen Lauf auf einer Höhe von 2.000 Meter, manchmal mit einem Abgrund auf der linken Seite, wir schätzen circa 300 Meter tief und wir auf einem 50 Zentimeter breiten Pfad. Da steigen wir des Öfteren ab, denn der Kopf spielt uns hier einen Streich und die Gefahr bei einem Fahrfehler abzurutschen ist uns einfach zu groß. Auf der Karte sieht das alles so harmlos aus, auch auf dem Streckenprofil, aber das ständige Auf und Ab, teils fahrend, mehr laufend, machen es uns diese 10 Kilometer nicht leicht. Immer wieder verblockte Stellen, grobe Steinbrocken, kurzes Gefälle, dann wieder eine kleine steile Rampe. Es ist heiß, wir sind auf der Südseite der Bergflanke und die Sonne sticht. Wir überqueren ein paar Geröllabgänge, versuchen uns an manchen schöne Abschnitten, müssen aber oft aufgeben und doch laufen beziehungsweise schieben.

So anstrengend hat das auf der Landkarte nicht ausgesehen, aber so kann man sich täuschen. Es ist schon ein mulmiges Gefühl, wenn man einen Trail vor sich entdeckt, der eigentlich fahrbar aussieht. Handtuchbreit, vielleicht 50 bis 60 Meter mit 40% hinab führt, du aber auf der linken Seite 400 Meter in die Tiefe schaust. Die Höhenmeter sammeln sich an und wir benötigen mit Pausen knapp 2 Stunden für diesen kompletten Abschnitt von 10 Kilometer! Wir treffen auf eine kleine Schutzhütte, die zur kurzen Rast einlädt. Sie ist verschlossen, davor plätschert Wasser in einen Holztrog und am anderen Ende schaut man hinab ins Tal. Wir ziehen die Schuhe aus und machen eine Kneippkur im eiskalten Wasser der Trogs. Das tut gut, erfrischt ungemein und schafft neue Kraft.

Es folgt nochmals eine kurze, aber heftige Schiebepassage von 700 Meter mit circa 20% Steigung. Nach dem Almaufstieg wird es flacher, wir erreichen ein Plateau und stehen glücklich und zufrieden auf dem Gipfel von 2.200 Meter. Wieder ein Passübergang weniger auf unserer Liste. Schon auf der Hütte weiter unten haben wir auf der anderen Seite am Berg einen Weg gesehen. Laut GPS müsste das unsere Abfahrt nach St. Wallburg sein. Doch wir sind auf der gegenüberliegenden Seite und zwischen uns das 300 Meter tiefe Tal. Aber laut Streckendaten soll die Innerfalkomai Alm nur einen Kilometer von uns entfernt sein, wie kommen wir bloß durch das Tal? Die Lösung des Rätsels: Ein extrem heftiger Abstieg. 

Das mit dem Abstieg ist bitte wörtlich zu nehmen, denn auf der rechten Seite ist ein Halteseil am Felsen befestigt, auf der Linken der 300 m tiefe Abgrund und wir sollen auf einem größeren Felsbrockenabschnitt hier runter. Bikes schieben? Zwecklos, zu schmal und zu steil, da kann man ja gerade mal so laufen. Jürgen kann seine Höhenangst kaum überwinden. Diese Angst belastet mich auch ein wenig, aber ich nehme all meinen Mut zusammen und klettere den Abhang erst mal ohne Bike hinunter. Es ist kein sehr langer Teilabschnitt, nur circa 40 Meter runter, aber weit und steil genug um entsprechendes Adrenalin zu produzieren! Das benötigen wir auch um hellwach und mutig den Teil zu bewältigen. Welche Taktik benötigen wir für diesen Übergang? Ich lege meinen Rucksack unten ab, klettere wieder hoch und hole auch Jürgens Rucksack. Jetzt wieder hoch, ich schnappe mein Bike, halte es in die rechte Hand am Oberrohr und hangle mich rückwärts mit der linken Hand am Seil haltend nach unten. Dann hole ich Jürgens Bike auf dieselbe Weise. Meine Knie schlottern noch ein wenig, lass es mir aber nicht anmerken. Schließlich hat es Jürgen auch noch geschafft, selbst den Abschnitt runter zu klettern, klasse! Eine innere Genugtuung kommt in uns auf, dieses für manchen anderen Biker vielleicht harmlose, für uns aber sehr heftige Stück, geschafft zu haben! Ein Handschlag besiegelt die überwundene Angst.

Ein bisschen mulmig war mir schon zumute, aber man muss nur vorsichtig, vernünftig und nicht überstürzt an die Sache heran gehen, dann klappt es auch. Die Mutprobe für den heutigen Tag war bestanden. Der schmale und ausgesetzte Weg führt sehr steil 32% nach unten. Am Ende ist der Trail sogar fahrbar, führt uns bis zur Alm und macht richtig Spaß – man war das ein Ausflug! Noch mal eine kurze Rast an der Innerfalkomai Alm, Wasser auftanken, und ab geht’s mit 12% Gefälle auf einem fast 7 Kilometer langen Schotterweg. Die Bremsen glühen, ab und zu müssen wir stehen bleiben, um auch unsere Finger zu entspannen. Es folgen 3 Kilometer herrliche Wald- und Wiesentrails hinunter nach St. Wallburg. Unten angekommen sehen wir schon den Zoggler Stausee auf 1.137 Meter und nehmen Kurs auf die Staumauer.

Der Stausee mit seinem gewaltigen Damm ist über zwei Kilometer lang. Außerdem ist er der größte See im ganzen Ultental. Ernährt wird er vom Falschauer Fluss. Auf der Staumauer geht der Weg weiter gerade aus und wir radeln gemütlich im Sonnenschein auf flacher Strecke um den halben See. Aus irgendeinem Grund folgen wir blind dem GPS ohne zu merken, dass wir eigentlich schon an der Staumauer vor dem Ortsrand von St. Wallburg standen. Man sind wir doof, umkreisen wir also den kompletten See mit 8 Kilometer nur, um wieder an der Staumauer die richtige Richtung einzuschlagen. Der Tag war anscheinend doch schon zu lange für uns – ohne Wort!

Schnell finden wir unsere gebuchte Unterkunft, das Aktiv Hotel Pöder, diesmal nur eine Frühstückspension. Wir melden uns an der Rezeption, erhalten unseren Zimmerschlüsse, doch zunächst kommen die Räder in die Bikegarage. Wir beziehen unsere Zimmer, packen den Rucksack aus, hängen die verschwitzen Klamotten auf zum Trocken und gönnen uns eine heiße Dusche. Kurze Ruhephase auf dem Bett, die Füße hoch legen, zur Ruhe kommen. Der Magen knurrt. Jürgen und ich schauen uns an: Hunger! Allzu lange dürfen wir nicht herum trödeln, denn wir haben schon 19:30 Uhr, also anziehen, wir machen uns auf den Weg ein Restaurant zu suchen.

Diese Suche hat es in sich: 15 Minuten in die eine Richtung des Dorfes laufen, das Erste hat Ruhetag! Blöd, kann man nichts machen. Weitere 800 Meter laufen, wir stehen am Ortsausgang, und das Restaurant entpuppt sich als Café. Also wieder zurück und die andere Richtung einschlagen. Endlich, wir haben eines gefunden, das hat dann ab 20:30 Uhr kein warmes Essen mehr! Wir haben 20:25 Uhr. Mag uns hier keiner? Jetzt sind wir mit unserem Latein am Ende. Also los, einen Einheimischen suchen, was um die Uhrzeit gar nicht so einfach ist, denn hier werden die Bürgersteige bereits um 19:00 Uhr hoch geklappt. Da Jürgen! Da läuft einer. Nachgefragt, ja, es soll laut seiner Auskunft an der Dorfkirche eine Gaststätte geben, die leckere Pizzen machen. Wir lassen uns den Weg erklären, laufen los, die Kirche liegt übrigens wieder circa einen Kilometer und 150 Höhenmeter weiter oben. Keuchend und schwitzend stehen wir davor und – sie hat offen! Das heißt aber noch nichts, wir haben mittlerweile 21:00 Uhr, hoffentlich machen die noch was.

Wir haben Glück, alles Paletti, endlich kommen wir zu unseren Pizzen. Jeder bestellt zunächst mal eine, dann nochmals eine zusammen. Die Wirtin wunderte sich nicht mehr, als wir sagen, dass wir auf Biketour sind und seit heute Morgen nichts anständiges mehr gegessen haben. Die Pizzen waren übrigens wirklich super lecker, das Weizen aber auch! Mit vollem Magen läuft es sich besser, oder wie war das?  Der Abstieg zur Pension ist uns sichtlich schwer gefallen, aber vielleicht liegt es am zweiten Weizen oder am Grappa? Wer weiß, wer weiß? Nein, es liegt an den 1,5 Pizzen, die wir jeweils verdrückt haben! Auf jeden Fall sind wir heil angekommen und lassen uns einfach so ins Bett fallen. Der Schlaf ist der unsere!

 


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