Tag 6: S-chanf -> Tirano


Gesamte Tourdaten  
394 km – ↑ 11.788 hm – ↓ 12.305 hm – 5,5 Tage


Etappenlänge
85 km – ↑ 2.613 hm – ↓ 3.944 hm – Fahrzeit: 6:40 Std.


Zwischenstationen

  • S-chanf
  • Passo Chaschauna
  • Livigno
  • Passo d´Eira
  • Passo della Vallaccia
  • Pass da Val Viola
  • Campo
  • Poschiavo
  • Tirano (Italien)
  • Unterkunft: Hotel Stelvio

Tour Beschreibung

Ich trau es mir gar nicht zu sagen, aber es ist wieder ein sonniger und sehr warmer Morgen. Heute steht auch für uns etwas Einmaliges auf dem Programm: Circa 85 Kilometer und 4 Pässe hintereinander, der Höchste unserer Tour ist mit dabei, der Chaschauna mit 2.696 Meter! Also Frühstücken wir doppelt gut, um viel Kraft zu tanken. Wir machen sehr früh los, um 8:00 Uhr sind wir bereits unterwegs, die Bergwelt zu erobern.

Nach sehr kurzer Einrollphase geht der Schotterweg zum Pass los. Wir befinden uns auf einer Höhe von 1.660 Meter. Aber er lässt sich gut fahren. Er wird manchmal steil, ab und zu schieben wir ein kleines Stück. Nur keine Kräfte verschleißen, wir haben heute viel vor. An der Alp S-chanf, einer kleinen Hütte auf 2.220 Meter, machen wir eine kurze Pause, füllen unsere Flaschen auf und können schon den Weg nach oben erkennen. Die ersten 8,5 Kilometer hätten wir somit schon. Absolut traumhaft, fast eine Ebene die vor uns liegt, bis zu einer Höhe von circa 2.200 Meter können wir noch fahren, dann sind 500 Höhenmeter schieben angesagt.

Wir treffen eine Lady, die ganz alleine einen Alpencross bewältigt. Uns wäre das nichts, wenn hier oben etwas passiert, dann ist Schluss mit Lustig. Das muss aber jeder für sich selbst entscheiden. Wir machen uns auf den Aufstieg. Auch dieser Weg ist relativ breit, also kann man sein Bike neben sich führen. Doch manches Mal ist er auch verdammt steil. Die Hitze dazu macht es nicht angenehmer, aber alles ist mit gutem Willen und vorherigem Training machbar. Jürgen und ich sind mental und körperlich noch sehr gut drauf, beide auf einem gleichen Niveau, das macht alles viel leichter. Keiner muss auf den anderen groß warten, wir ergänzen uns wirklich erstklassig!

Steile Abschnitte wechseln sich im Minutentakt mit flacheren ab, der Untergrund ist durch loses Geröll ab und zu ziemlich rutschig. Wenn man sein Bike die Rampen hoch wuchtet, spürt man jede Muskelfaser in seinem Körper. Die Lunge japst nach Sauerstoff, das Herz hält pochend den Kreislauf in Schwung. Der Schweiß tropft, die Schritte werden langsamer, Meter für Meter gewinnen wir an Höhe. Ein Glück, mein Blasenpflaster hält, der Schmerz ist erträglich. Noch eine kleine Rampe und es ist vollbracht! Auch dieser Passübergang bietet uns ein Traumpanorama. Erst mal einen kurzen Stopp einlegen und genießen. Alleine der 360 Grad Rundumblick hier oben machen den Chaschauna zu einem Erlebnis.

Doch allzu lange dürfen wir hier nicht verweilen, denn das war erst unser Pass Nummer «EINS» von «VIER»! Ach, übriges überfahren wir mit dem Pass auch die Grenze nach Italien. Und wieder finden wir einen Trail vor, der seines gleichen sucht. Nichts verblockt, alles fahrbar, einfach nur Spaß haben. Vorbei am Rifugio Cassana immer im Rausch der Geschwindigkeit abwärts. Der Trail geht über in eine Almpiste, sehr steil, aber ohne Probleme fahrbar, bis wir mit einem breiten Grinsen im Gesicht in Livigno ankommen. Man war das wieder super geil!

Kurz vor Ortseingang erfrischen wir uns an einem Brunnen, füllen die Flaschen wieder auf und gehen unverzüglich Pass Nummer «ZWEI» an. Zunächst müssen wir aber durch Livigno durch. Der bekannte Winterskiort liegt auf einer Höhe von 1.816 Meter und ist eine zollfreie Zone. Der Ort ist nach eigenen Angaben der höchste dauerhaft bewohnte Ort Europas. Dieser Titel wird jedoch auch vom schweizerischen Juf beansprucht. Kein Wunder das hier die Hölle los ist, also nichts wie raus.

Der Passo d’Eira ist ein Straßenpass. Nicht sehr steil, durchschnittlich nur knapp 7% Steigung. Ab und zu ist auch mal eine Rampe mit 10% zu bewältigen. So machen wir wieder 400 Höhenmeter auf den nächsten 6 Kilometer. Eine Rennradtruppe, bestehend aus mindestens 20 Biker, überholt uns, sie sind zu schnell für uns. Doch ein 3er Rennradteam heftet sich an unsere Fersen und da kann ich es natürlich nicht lassen. Ich übernehme die Führung und geb sie bis zum Pass nicht mehr her. Durchgeschwitzt mit geschwellter Brust stehen wir oben am Pass, tief nach Luft schnappend. Was keiner weiß, der Pass hätte keinen Kilometer mehr länger sein dürfen, aber ich sag nichts. Auch Jürgen ist außer Atem, wir machen eine kurze Pause um anschließend Pass Nummer «DREI» anzugehen.

Zunächst dürfen wir uns während der Abfahrt ausruhen, denn wir rollen gemütlich auf Straße ein Stück Richtung Tal. Es folgt ein längerer Tunnel, zum Glück von der linken Seite her offen, dann biegen wir rechts von der Straße ab. Am Talschluss zum Valencia wartet auf uns hochalpine Bergwelt. Ein kurzes Stück können wir noch fahren, dann überqueren wir eine Brücke, genießen das Panorama, beobachten ein paar Leute, die hier ihr Picknick aufgeschlagen haben. Frisches Wasser über unsere Köpfe und in unsere Flaschen und auf geht’s. Der Pfad ist anfangs zwar nicht sehr steil, aber durch viele grobe Steine sehr verblockt. Zunächst am Fluss entlang, dann biegt dieser ab und der Aufstieg wird sichtbar.

Bike schieben, tragen, überheben, dann die Hitze, das macht fertig. Wir treffen auf zwei weitere Biker, die auf Tagestour unterwegs sind und denselben Weg eingeschlagen haben. Wir stacheln uns insgeheim gegenseitig an. Sehr steile Abschnitte, keine Gnade für die Wade, immer wieder das Bike über Felsen heben, öfter mal stehen bleiben, durchatmen, weiter gehen. Es kommt uns vor wie eine Ewigkeit, doch es waren nur circa 60 Minuten, die wir hinauf benötigt haben. Wir kommen fast zeitgleich mit den Bike-Kollegen auf 2.614 Meter, dem Passübergag Passo della Vallaccia, an.

Ja, wir haben auch diesen Übergang bezwungen. Aber Jürgen und ich sind uns einig, der Risitenpass ist zwar kürzer ab härter und anstrengender! Ein frischer Wind zieht hier oben. Da wir durchgeschwitzt sind fröstelt es uns, wir ziehen die Windbreaker an, das hilft ungemein. In der Ferne kann man die hohen Gipfel in Wolken sehen, düstere Wolken, die auf ein Gewitter hindeuten. Will uns das Glück verlassen? Wir haben früher Nachmittag, da können schon mal Gewitter in den Alpen entstehen. Aber soweit wollen wir gar nicht denken. Ein paar Fotos danach machen wir uns gleich auf den Weg. Ein Trail kündigt wieder mal viel Spaß an.

Wieder so ein toller Trail, dann ein kleiner Gegenanstieg und weiter schlängelt sich der Weg hinunter Richtung Tal. Einfach nur geil und wieder mal super zu fahren. Manchmal können wir vor lauter Begeisterung den Weg nicht erkennen, denn der Trail läuft teilweise senkrecht eine Wiese runter. Zum Glück ist alles trocken, die Hitze ist erträglich, hat aber dazu beigetragen, dass die Wiesen ausgedörrt und damit top zu fahren sind. Wir kommen glücklich und zufrieden und mit einem Lächeln im Gesicht an der Baita Pastore an. Hier endet der Trail und mündet in eine Schotterpiste. Auch was feines. Vor allem bergab. Die Bremsen glühen, unsere Finger verkrampfen, wir müssen öfters eine Pause einlegen. Die linke Seite des Tals sieht vom Wetter her gesehen vielversprechend aus, Sonne pur. Doch wir müssen rechts ab auf ein kleines Sträßchen Richtung Passo Val Viola. Dort wird es immer dunkler. Uns bleibt nix anderes übrig, da hilft nur beten, wir müssen da durch.

An der nächsten Wasserstelle, ein kleiner Wasserfall, tanken wir wieder auf und los geht’s, jetzt auf grobem Schotter, immer stets bergauf. Wir treffen hier einige Wanderer, die uns teils verwundert oft auch begeistert anschauen und mit „avanti, avanti“ und Beifall antreiben. Wir spüren deutlich die gesammelten Höhenmeter des heutigen und der vergangenen Tage. Es ist anstrengend, dennoch traumhaft schön hier. Der alte Militärweg schlängelt sich stets steigend hinauf, auf der linken Seite weiter unten glitzert der Lago Viola im Sonnenlicht, die Piste schraubt sich letztendlich bis auf 2.500 Meter hinauf. 

In den luftigen Höhen der Berggipfel sehen die dunklen Wolken sehr verdächtig und bedrohlich aus, ein paar wenige kleine Tropfen kommen herab, wir sputen uns, legen einen Zahn zu. Ein Gewitter hätte uns gerade noch gefehlt, doch zum Glück gewinnt die Sonne den Kampf gegen die Wolken. Das Panorama ist wieder einmalig schön. In Wolken verhangene Gipfel auf der einen, die tief stehende Sonne auf der anderen Seite. Einfach nur anmutig schön. Und wieder überschreiten wir still und heimlich die Grenze, dieses mal wieder zurück in die Schweiz. 

Der Pass ist geschafft, ein Schild hier oben zeigt es an: Passo da Val Viola 2.460 Meter. Das waren heute insgesamt 2.600 Höhenmeter. Stolz aber auch fertig stehen wir auf unserem letzte Gipfel des Tages und geben uns die Hand. Wir machen wieder ein paar tolle Aufnahmen und dann kommt es Knüppel dick. Von wegen tolle Abfahrt, es erwartet uns eine Kletterei auf sehr groben Felsbrocken. Diese Steinwüste haben wir dem Schweizer Militär zu verdanken, die keine Veranlassung dazu hatten, dieses Gebiet zu sichern und damit befahr oder begehbar zu machen. Wir brauchen etwas über eine halbe Stunde für den 500 Meter langen und 100 Höhenmeter tiefen Abstieg. Im Nachhinein haben wir erfahren, dass ein neuer Weg die Kletterpassage umfährt, man muss nur am Gipfel rechts ab. Einen Weg haben wir da nicht gesehen, aber auch nicht bewusst danach gesucht. Egal, wir haben es geschafft, denn die Piste wird besser! Viel besser! Es entpuppt sich ein absoluter Traumtrail. Immer stets bergab, viel flow, rechts-links Kombinationen, nicht all zu steil, aber absolut geil! Linker Hand weiter unten erkennen wir den Lago Saoseo. Wieder glühen die Bremsen, wir vernichten Meter um Meter, lassen die Alpe Campo links liegen und rollen weiter. So viele Eindrücke von diesem Tag ersticken uns fast, lassen aber jeden Meter weiter genießen, denn es geht weiter bergab.

So eine lange Bergabfahrt hatten wir noch nie erlebt. Es ist ein Downhill mit einer Länge von 18 Kilometer bis Poschiavo, dabei vernichten wir 1.500 Höhenmeter am Stück! Am Lago di Poschiavo fahren wir, verbotener Weise, links um den See. Ein toller Weg schlängelt sich am Ufer des Sees entlang, danach müssen wir auf die Hauptstraße und rollen Richtung Italien. 

 

Doch dann …

Im Kopf die Eindrücke des erlebten Tages und in Gedanken an einen tollen Ausklang in Italien passiert etwas unvorhergesehenes mit fatalen Folgen:

Wir gleiten gemütlich die Hauptstraße entlang, links von uns am Straßenrand, quasi als „Gehweg“, verläuft eine Eisenbahnschiene, der wir keine Beachtung schenken. Die Straße macht eine Kurvenkombination, zuerst geht’s nach rechts, dann wieder nach links. Zwischendrin befindet sich eine offenen Bahnschranke, aber wir überqueren keine quer verlaufenden Schienen wie wir es aus Deutschland her kennen. Die Schiene kommt von der linken Fahrbahnseite, überquert mit uns in der Mitte der Fahrbahn die Schranke, kreuzt unsere Fahrbahnseite, um dann rechts neben der Straßenseite weiter zu laufen. Ich fahr vorne weg und kann in letzter Sekunde erkennen, dass eingelassene Bahngleise langsam unsere Straßenseite schneiden. Um den Schienen auszuweichen, bleiben mir nur zwei Möglichkeiten: Entweder ich fahre gerade aus, da steht aber eine Mauer und zum Bremsen ist es zu kurz, oder ich muss es schaffen, die Schiene zu überqueren. Jetzt heißt es schnell reagieren, einen großer Schwenk Richtung Fahrbahninnere, um nicht mit den Rädern in die Gleise zu gelangen. Zum Glück kommt kein Auto hinter mir, denn somit stehe ich quer auf der Fahrbahn.

Sau blöde Situation, so habe ich noch nie eine Bahnüberquerung erlebt. Adrenalin pur, Glück gehabt, kurz durchatmen. Ich halte auf der rechte Straßenseite an um Jürgen zu warnen, doch es ist zu spät. Ich höre bereits einen Crash. Er gerät mit dem Vorderreifen direkt in eine Gleise, überschlägt sich sofort aus voller Fahrt bei 28 km/h und fällt direkt auf seine Schulter. Scheiße!

Ich stelle schnell mein Bike ab und rase zu ihm. Benommen steht er am Straßenrand, schwankt und bricht zusammen. Kreislaufkollaps. Ich lege ihn per stabiler Seitenlage auf den Boden, kühle seinen Kopf mit Wasser bis er wieder zu sich kommt. Sein Schlüsselbein schwillt an und mir ist klar, die Fahrt ist hier zu Ende. Ein Autofahrer hält und bietet seine Hilfe an. Es dauert circa 20 Minuten, bis sich Jürgens Kreislauf komplett stabilisiert hat. Er schaut mich ganz verdutzt an und steht auf. Leicht schwankend sagt er zu mir: „Gerald, warte ein bisschen, es geht gleich wieder.

Für mich ganz klar – Schockzustand. Jürgen will einfach nicht wahr haben, dass unser Alpencross so ein krasses Ende nimmt. „Zieh doch einfach mal dein Rucksack aus“ meine ich und als er seine Schulter anheben will, ist sein Gesicht total Schmerz verzerrt. „Merkst du es, Jürgen, es ist vorbei!“. In diesem Moment hat er mir geglaubt. Ich helfe ihm, den Rucksack ganz vorsichtig abzunehmen. Am Schlüsselbein ist eine Schwellung zu erkennen, fast so groß wie ein Tischtennisball! Der zur Hilfe vorbeigekommen Passant erklärt uns, dass hinter der nächsten Kurve die Grenze zu Italien ist, wir verabschieden uns mit einem dankenden Handschlag von ihm. 

Was machen wir jetzt? Ich hänge die beiden Rucksäcke, einer links und einer rechts um meine Schulter, dann pro Hand ein Rad und so laufen wir gemeinsam sehr langsam Richtung Italien. Ich lasse Jürgen vor mir laufen, damit ich ihn im Blickfeld habe. An der Grenze erkläre ich den Beamten, was geschehen ist. Wir sind gerade mal zwei Kilometer von Tirano und damit unserem Hotel entfernt. Das hätte doch bis dahin .. zu spät sich darüber Gedanken zu machen. Ein Krankenhaus gibt es laut seiner Aussage hier nicht, nur eine Art Notfallstation. Wir entscheiden, dass es das Beste ist, zunächst mal unser Hotel zu beziehen und die Räder abzustellen um anschließend einen Arzt aufzusuchen. Der Grenzbeamte ruft uns ein Großraumtaxi, das auch unsere Bikes mitnehmen kann. Während der Wartezeit rufe ich noch schnell zu Hause an, erkläre die Situation und versuche, die Frauen zu beruhigen. Ob ich es geschafft habe, weiß ich nicht, ich hab mein Bestes gegeben und ändern können wir an der ganzen Situation auch nichts mehr. Durch eine weitere Unterhaltung mit dem Beamten erfahren wir auch, dass es an dieser Stelle öfter Bikes und Motorräder hinlegt. Na Glückwunsch!

Am Hotel «Bernina» angekommen glaube ich, «mich tritt ein Pferd»! Unsere Überweisung der Anzahlung ist nicht angekommen und meine Bank hat mir nix gesagt. Somit hat der Hotelbesitzer das Zimmer weiter vermietet. Na super! Auch noch das Malör. In Tirano ist ein Fest im Gange, alle Hotels sind ausgebucht. Der Hotelier ist dennoch so nett und hat 15 Minuten herum telefoniert. Uns ist es egal, was wir bekommen, Hauptsache ein Dach über den Kopf und dann schnellstens zum Arzt. Schließlich hat er es geschafft und wir bekommen 800 Meter weiter entfernt ein einfaches Zweisterne Zimmer im Hotel «Stelvio». Wir lassen uns den Weg erklären, ich schnappe mir wieder die Bikes und Rucksäcke und wir laufen los. Jürgen macht ein sehr schmerzverzerrtes Gesicht, ich mach mir Sorgen. Er winkt ab: „Es geht schon!“ Er ist schon ein zäher Hund. Endlich angekommen, versuche ich an der Rezeption den Tatbestand zu erklären, aber keiner spricht Deutsch oder Englisch. Die Tochter des Hotelbesitzers kommt zufällig vorbei, sie kann wenigstens ansatzweise Englisch. Ich erkläre ihr die Situation, dann stellen wir zunächst mal die Bikes in die hoteleigene Garage. Unsere Rücksäcke und Utensilien dürfen wir auf eine Bank im Restaurant liegen lassen. Die Tochter will nachher alles ins Zimmer tragen. Mit einem Stadtplan gewappnet laufen Jürgen und ich zur einer 800 Meter entfernten Notfallstation.

Keiner der Ersthelfer konnte Englisch, also habe ich mit Hand und Fuß die Situation erklärt. Es dauert ewig, bis sich einer mal herunterlässt und sich Jürgen näher ansieht. Was sind denn das für Zustände hier? Ich frage nach einem Arzt, die Antwort kommt prompt, den gibt es hier nicht! Wie, eine Notfallstation ohne Arzt? Unbegreiflich! Es sind reine Ersthelfer, einer erbarmt sich und schaut sich Jürgen näher an. Er schneidet das Trikot auseinander, Jürgen kann seinen Arm nicht mehr nach oben bewegen. Ich mache den Helfern klar, dass wir in ein Krankenhaus wollen. Unsere angetrockneten Kehlen benötigen Flüssiges, wir haben beide Durst und bitten um etwas Wasser. Eine mit Leitungswasser gefüllte ½ Literflasche löscht unseren Drust. Endlich haben Sie es eingesehen, Jürgen bekommt einen provisorischen Verband und wir werden per Krankenwagen ins nächstgelegene Krankenhaus gefahren. Wohin, das weiß ich derzeit noch nicht, aber die Fahrt dauert circa 50 Minuten.

Er wird per Bahre in die Notaufnahme gebracht. Alleine das Aufnehmen der Personalien dauert über 1,5 Stunden, dann noch eine halbe Stunde bis er endlich geröntgt wird. Das Schlimmste für uns an der ganzen Situation, KEINER kann hier Englisch, alle nur Italienisch. Wir sitzen im Wartezimmer, es ist mittlerweile 23:00 Uhr. Wir beide sehen aus, als hätten wir den ganzen Tag auf dem Mountainbike gesessen und die Gegend unsicher gemacht. Der schweißgetränkte Staub klebt an unseren Beinen. Wie wir stinken, möchte ich gar nicht wissen, auf jeden Fall haben wir Hunger und noch größeren Durst. Den Durst stillen wir mit Leitungswasser aus der Toilette. Für den Hunger haben wir keine Lösung. Das Letzte, was wir gegessen hatten, war ein Riegel auf dem Passo da Val Viola vor geschätzten sieben Stunden.

Ein «Hilfsarzt» holt die Aufnahmen und wir schauen sie uns gemeinsam an: Schlüsselbeinbruch, zwei Rippen gebrochen und ein sehr feiner Haarriss am Schulterblatt. Gerade der Haarriss macht ihm Sorgen und er will auf den Spezialisten am Morgen warten um eine genauere Aussage treffen zu können. Also macht die Nachtschwester ein Bett für Jürgen frei und überlässt uns alleine im Zimmer.

Ich zieh Jürgen die Bikeschuhe und Hose aus und will ihn im angrenzenden Bad abwaschen. Keine Seife, kein Handtuch. Wieder die Schwester gesucht und gefunden, die genervt eine Kernseife, schätzungsweise 15 x 15 Zentimeter groß und ein Bettlagen zum Abtrocknen bringt. Wir schauen uns verdutzt an, aber egal, Notfall macht erfinderisch, ich wasche Jürgen unter der Dusche ab, mit dem Bettlagen reibe ich ihn trocken und lege ihn ins Bett. Ich habe mir verkniffen Jürgen zu sagen, dass der Bruch schon sehr übel aussieht. Frische Klamotten haben wir keine dabei, ist aber auch egal. Ich hoffe, er kommt schnell zur Ruhe und seine Schmerzen bleiben einigermaßen erträglich. Sein weiteres Problem ist die Gehörlosigkeit, aber er ist kein Dummer und weiß sich immer zu helfen. Ich verabschiede mich von ihm und wir verabreden, dass ich morgen früh gleich mit frischen Klamotten vorbei komme. Ein Handschlag besiegelt das Gesagte.

Aber halt, wo bin ich eigentlich, Ich weiß nicht einmal, in welcher Stadt wir uns befinden? Schnell noch zur Schwester, sie will oder kann mich nicht verstehen. Nach längerem Hin und Her schaue ich mich im Büro der Dame um und entdecke ein Briefpapier mit der Anschrift des Krankenhauses, Bingo. Aha, wir sind also in Sondalo.

Wo das genau liegt weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, aber wie rufe ich ohne italienisch Kenntnisse ein Taxi? Irgendwie habe ich das dem Nachtpförtner vermitteln können, den ich nach 20 minütiger Suche endlich gefunden habe. Ich gebe ihm mein Handy und er ruft mir ein Taxi. Die Fahrt dauert eine dreiviertel Stunde, kostet mich 35,- Euro und um 1:30 Uhr in der Nacht stehe ich vor unserem Hotel – alles dunkel und verschlossen. Und ich – habe keinen Schlüssel, na toll! Das ist nicht unser Tag heute.

Ich laufe ums Haus, bis ich irgendwo eine Klingel finde. Nach zwei Minuten wird es endlich hell und ein verschlafener Hotelbesitzer schaut mich an, erkennt mich und macht mir auf. Unsere Rucksäcke und alle anderen Utensilien wie Tacho, Kamera, GPS-Gerät usw. liegen immer noch an der Stelle, an der ich sie abgelegt hatte. Oh man! Zum Glück ist nix weg gekommen, wenigsten etwas positives heute Abend, ähm, heute Morgen sollte ich sagen.

Ich schnappe mir alles, lege es in den Aufzug und vier Stockwerke höher finde ich mein Zimmer. Jetzt noch kurz und schnell geduscht. Ich schmeiße mir ein paar Brausetabletten in ein Wasserglas, um etwas Geschmack in den Mund zu bekommen. Mit knurrendem Magen falle ich todmüde ins Bett.

 

Das war ein Tag:

85 Kilometer Länge, 4 Gipfel mit insgesamt 2.613 Meter bergauf, 3.944 Meter bergab und dann 2 Kilometer vor unserem Hotel dieses blöde Unglück ..

… die Nacht war sehr unruhig.

 

 


  5. Tag Heimfahrt


 

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