Tag 3: St. Wallburg -> Rabbi


Gesamte Tourdaten
252 km – ↑ 9.792 hm – ↓ 10.617 hm – 5 Tage


Etappenlänge
32 km – ↑ 1.399 hm – ↓ 1.245 hm – Fahrzeit: 3:21 Std.


Zwischenstationen

  • St. Wallburg
  • St. Nikolaus
  • St. Gertraud
  • Rabbijoch
  • Haselgruber Hütte
  • Piazzola
  • Rabbi
  • Unterkunft: Grand Hotel Rabbi

Tour Beschreibung

„Das darf doch nicht wahr sein!“ schrei ich heraus. Da Jürgen aber nix hört, lässt mein Geschrei ihn eiskalt. Erst als ich die Vorhänge beiseite ziehe und die Sonnenstrahlen auf sein Gesicht fallen, wird er wach. Ich dreh mich zu Jürgen hin: „Das darf doch nicht wahr sein, schon wieder scheint die Sonne“. Ich grinse und jetzt kann er das Gesprochene von meinen Lippen ablesen und versteht auf Anhieb. Jürgen hat durch einen Unfall Pech gehabt und sein Gehör verloren. Wenn man es nicht weiß, fällt es kaum auf, denn er liest einfach und schnell von den Lippen ab! 

Man, was haben wir wieder Glück – hoffentlich verlässt es uns nicht so schnell. Jetzt noch ein ausgiebiges Frühstück und schön die Teller leer essen, damit das Wetter auch so bleibt. Die Räder bekommen noch etwas Pflege, wir machen uns auch fertig und ab geht’s zur Eroberung des heutigen Gipfels: Das Rabbijoch auf 2.470 m. Zunächst geht es wieder zum Zoggler Stausee, den wir links herum auf einem schönen Schotterweg halber umfahren. Halt Moment, die Strecke kennen wir doch schon von gestern Abend. Ach so, dazu sag ich ja nix mehr! 

Die Sonnenstrahlen brechen sich auf der Wasseroberfläche und schenkt uns ein farbenfrohes Glitzern. Der Weg mündet auf die Hauptstraße. Nicht viel, aber stetig ansteigend werden unsere Glieder auf das Kommende langsam vorbereitet. In St. Gertraud, das höchstgelegene Dorf des Ultner Tales, biegen wir bei 1.390 Meter am Ristorante Stella Alpine links ab auf einen Schotterweg. Hier treffen wir auf eine Gruppe Biker, die wohl heute dasselbe Ziel wie wir haben. Keiner hatte einen schweren Rucksack auf, also wurde die Tour mit Gepäcktransport gebucht, auch nicht schlecht. Wir werden uns auf dem Weg nach oben öfter begegnen. Die nächsten 3 Kilometer werden mit circa 10% Steigung so langsam anstrengend, obwohl der Schotter ganz gut zu fahren ist. Tritt für Tritt, den Puls im Auge, ziehen wir weiter hinauf. Immer diese kleine Rampen, die machen das Leben schwer und stören den Rhythmus. Eine kleine flache Stelle, eine Bachbrücke, ideal zum Wasser fassen. Wir stellen die Räder ab, Jürgen läuft hinunter zum Bachlauf, legt sich flach auf die am Ufer liegenden Steine und steckt seinen kompletten Kopf ins kühle Nass. 

Obwohl es sehr warm ist, genügt es mir, mein Buff im Wasser auszuwaschen und setzte ihn so nass und kühlend auf meinen Kopf. Herrlich. Wir halten uns nicht lange auf, die nächsten zwei Kilometer gehen mit nur 9% Steigung in die Beine, nach einer Kurve können wir weiter oben ein Haus erkennen. An der kleinen Kasbergalm machen wir Rast und erfreuen uns an der herrlichen Natur. Auf einem langen Holzbrett, welches uns den Weg über dem Bach ebnet, gelangen wir auf die anderen Seite. Ich entdecke einen Trog, gespeist mit frischen, eiskalten Quellwasser. Das lass ich mir nicht entgehen, ziehe meine Schuhe aus und stelle mich in den Trog. Bis oberhalb meiner Knie stehe ich im Wasser, total klasse! 30 Sekunden halte ich es am Stück aus, dann kribbelt es in den Beinen und ich glaube, sie fallen ab wenn ich nicht sofort wieder aus dem Wasser steige. Dieses Spiel wiederhole ich drei bis vier Mal, dann ist genug. Auch von hier aus ist der Ausblick wirklich klasse, manche Biker der zuvor getroffenen Gruppe überholen uns hier. Auch wir müssen weiter. 

Zunächst noch auf einem sehr steil Schotterweg weiter, aber die teilweise bis zu 20% Steigung machen das Fahren für uns unmöglich. Wir treffen auf zwei Biker der anderen Gruppe, schließen uns an und zu viert erklimmen wir langsam den Gipfel. Eine kurze Zwischenrast an einem kleinen, aber wirklich imposanten Wasserfall. Tosend stürzt sich das Wasser von oben herab und unter uns hindurch hinab ins Tal. Wir stehen auf einer Brücke und machen Fotos von diesem Schauspiel. Jetzt mündet der Schotterweg in einen noch steileren Trail. Verblockt mit groben Steinen, teils Stufen. Mühsam erkämpfen wir jeden Meter. Mein Bikecomputer zeigt mir 35% in der Spitze, aus allen Poren läuft der Schweiß, das gleichmäßige Atmen wird zum Hecheln und hektischem Luft schnappen. Immer wieder das Vorderrad anheben, um über einen im Weg liegenden Steinbrocken zu kommen. Das geht in die Arme. Das haben wir nie trainiert. Aber wir wollen nicht meckern, wir haben das so gewollt und weiter geht es mit langsamen Schritten gegen den Gipfel. Hoch oben am Ende des Tales steht ein rie­si­ges Kreuz aus aufgetürmten Steinen. Es ist aber nicht das Rab­bi­joch, wie wir zu­erst ver­mu­tet haben. Dort­hin geht es noch ein steiles Stück wei­ter. In der Ferne sehen wir ein Schild, das müsste das Gipfelschild sein, die Schritte werden schneller und ja, wir haben es wieder einmal geschafft: Das Rabbijoch mit 2.470 Meter ist bezwungen!

Glücklich, es wieder einmal geschafft zu haben, lassen wir von den anderen Bikern ein Gruppenfoto von Jürgen und mir am Passschild machen. Es ist ein herrlicher Tag, Kühe liegen faul in der Sonne und kauen auf irgendwelchen Gräsern. Wo ist jetzt eigentlich die Hütte, die am Joch sein soll? Vom Pass aus kann man sie nicht sehen. Wie weit ist die denn noch weg? Etwas ver­un­si­chert fah­ren wir wei­ter, noch ein kleiner Abstieg von 20% Gefälle laufend und wir er­rei­chen kurz spä­ter die Haselgruber Hütte auf 2.425 Meter, gut ver­steckt hin­ter einer klei­nen Berg­kup­pe. Was für ein Panorama und alles voller Biker und Wanderer, wobei die Fraktion Biker eindeutig überwiegt. Wir stellen unsere Räder ab, setzen uns an einen Tisch mitten in der Sonne und lassen es uns mit einer Apfelschorle gut gehen. Wir können schon den kommenden Trail erkennen, der sich am Hang hinunter schlängelt. Sieht fahrbar und klasse aus, aber das werden wir ja gleich selbst erfahren.

Wir beobachten eine Damen-Bikergruppe, die sich auf den Abstieg begeben, doch fahren tut keine. In Reihe und Glied laufen Sie den schönen Trail hinab, bis auf 400 Meter können wir sie noch erkennen, dann sind sie hinter dem Berg verschwunden. Sollte der Trail doch nicht fahrbar sein? Noch eine Schorle später müssen wir weiter, die Pflicht ruft. Eine weitere Gruppe Biker macht sich auf den Weg und dieses Mal fahren die meisten. Also wir werden das auch probieren, absteigen kann man ja immer. 

Was uns jetzt erwartet ist gleichermaßen geil und brutal. Ein Kilometer konnten wir zu 98% fahren, nur 2 größere Stufen haben wir uns nicht getraut und sind, wie die meisten anderen auch, abgestiegen. Dann macht der Weg einen Knick und man traut sich kaum hinzusehen: Der Blick geht fast «senkrecht» hinunter Richtung Tal. Meine Auswertung zeigt ganz deutlich, das was ich meine: 27% Gefälle auf 1,5 Kilometer losem Schotter und Querrinnen aus Holzbalken. Den «Allerwertesten» immer schön hinter den Sattel, die Finger stets an der Bremse und mit teilweise zittrigen Knien die Serpentinen hinunter. Es ist alles nicht gefährlich, denn links und rechts ist kein Abgrund wie gestern, es ist einfach nur steil und sehr grober, loser Schotter. Auf dem halben Weg nach unten wird auf einmal der Schotter besser, er ist wie gekehrt. Kein Wunder, es stehen hier wirklich 4 Männer im orangefarbenen Overall und kehren den Weg – Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht! 

Irgendetwas ist mit meinem Hinterrad nicht in Ordnung, es blockiert teilweise. Also anhalten und kurzer Check, aber ich kann nichts finden. Im Stand kann ich das Hinterrad drehen, es läuft auch leicht und rund. Dann bau ich die Beläge aus, welche doch schon sehr mitgenommen aussehen und tausche sie gegen Neue. Das geht schnell, 5 Minuten später ist alles fertig und siehe da, alles wieder bestens. Durch die enorme Hitze und das ewige Bremsen bergab bleiben die Beläge an den Bremsscheibe förmlich kleben. Je weiter runter wir kommen, desto besser wird der Trail und wir können es richtig rollen lassen. Nach einer kleinen Bachüberquerung mündet der Trail in einen Schotterweg. Das waren bis hier her gerade mal 2.5 Kilometer, aber dafür 475 Höhenmeter hinab, einfach nur Spitze! Jetzt vernichten wir auf 7 Kilometer rund 700 Höhenmeter, also 10% Gefälle im Schnitt. Auch hier tun wir den Bremsen einen Gefallen und lassen sie ab und zu abkühlen. In Piazzola auf 1.320 Meter fahren die meisten weiter hinab Richtung Male, wir biegen rechts ab ins Val di Rabbi. Auf kleinen engen Sträßchen durch Pontora bis Sommrabi. Jetzt noch ein rasantere, zwei Kilometer langer Wiesentrail und wir kommen etwas oberhalb von Rabbi Fonit heraus. Also rollen wir auf Straße wieder ein Stück hinunter zu unserem Hotel, dem ersten in der Stadt: Grand Hotel Rabbi.

Man, war das ein Tag, der rein von den Daten her locker aussieht, doch sich letztendlich als sehr anstrengend, aber lohnend herausstellte. Das geht auf der gesamten Ortlerrunde so, denn was sind schon zum Beispiel 25 Kilometer und 1.000 Höhenmeter auf dem Papier? Machen wir Zuhause an einem Nachmittag. Ok, ich muss zugeben, wir haben bei uns nur Hügel, bei denen wir maximal 350 Höhenmeter am Stück erklimmen können und das immer fahrend. Was aber hier in den Alpen sehr anstrengend ist, ist das Laufen und Tragen der Bikes am Ende eines Berges. Denn dort oben sind fast immer nur schmale, verblockte Wanderwege mit Stufen und Felsen, und das Ganze ist auch noch sehr steil. Für uns Flachlandtiroler somit oft nur laufend zu bewältigen.

Im Hotel angekommen können wir unsere verschwitzten Klamotten zum kostenlosen Waschen bringen. Toller Service. Obligatorisches Auspacken, Duschen und fertig machen zum Abendessen im Hotel. Wir kommen in den Speisesaal, im Vorraum ist ein Salatbuffet aufgebaut, wir werden von einem Kellner an den Tisch gebracht. Sieht doch alles schon mal sehr angenehm aus. Wir wählen eine Flasche Wein aus, das drei Gänge Menü wird nach und nach gebracht und ist einfach lecker. „Hey Jürgen, wenn ich mich hier so umschaue, dann heben wir beide den Altersschnitt um bestimmt 20 Jahre!“ und grinse dabei. „Hier hat bestimmt der Florenzbus angehalten!“ erwidert er. Damit meint er die Busfahrten in den Süden, wo Touristen in einen Ort gebracht werden, die in Scharen aussteigen und die Stadt und Sehenswürdigkeiten überfallen, um dann gegen Abend wieder zusammengescharrt im Bus die Heimreise antreten zu können. Wir lachen beide laut, werden von ein paar düsteren Blicken getroffen und unser Lachen wird noch lauter. Rings um uns finden wir keinen, der auch nur annähernd unser Alter erreicht, wir schätzen, dass die meisten die 70 Jahre überschritten haben. Aber davon lassen wir uns nicht beirren, das Essen und der Wein schmeckt vorzüglich und das ist die Hauptsache. Am Nachtischbuffet schlagen wir nochmal richtig zu, dann folgt, wie immer, unser Abendspaziergang.

Am Ortsausgang entdecken wir ein typisch kleines italienisches Café und genießen nochmal einen Cappuccino und den anstehenden Sonnenuntergang. Ich habe meinen Foto fast immer dabei, also mache ich auch hier noch ein paar tolle Bilder, bevor wir wieder die Heimreise zum Hotel antreten. Eine Stunde später liegen wir wieder brav im Bett und freuen uns auf den morgigen Tag…

 


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