Tag 4: Lüsen -> St. Ulrich


Gesamte Tourdaten  
468 km – ↑ 12.927 hm – ↓ 13.412 hm – 7 Tage


Etappenlänge
43 km – ↑ 2.077 hm – ↓ 1.650 hm – Fahrzeit: 4:38 Std.


Zwischenstationen

  • Lüsen
  • St. Magdalena
  • Broglesalm
  • St. Ulrich
  • Unterkunft: Hotel Scherlin

Tour Beschreibung

25 Grad am Morgen, wie herrlich doch so ein Sommertag sein kann. Doch all zu heiß ist auch nix, das haben wir gestern zu spüren bekommen. Nach einem wieder mal erstklassigen Frühstück packen wir alles zusammen und gönnen unsern Bikes noch eine kurze, aber intensive Pflege. Ein Blick auf die Karte zeigt uns, was heute auf dem Programm steht: Gleich mal wieder hoch auf 1.870 Höhenmeter zur Rodelalm, also knapp 900 Höhenmeter auf 13 Kilometer.

Heute tun wir uns am Anfang richtig schwer, die 11% Steigung zu treten. Die Beine sind wie aus Blei, doch ab und zu mal eine Pause, dann ein Stoßgebet am Bildstock und immer das Ziel vor Augen, so packen wir das schon. Wir folgen der kleinen Straße immer weiter nach oben, sie schlängelt sich Kurve um Kurve, verschlingt Meter um Meter an Höhe, aber will einfach nicht enden. Sie bietet uns in jeder Kurve eine neue Steigung zur Bewältigung an, aber auch diese Herausforderung haben wir angenommen und gemeistert. Vorbei an kleinen Holzbrücken, an Bachläufen und Schluchten bis wir auf die Kalkofenhütte treffen. Hier bietet der weite Bachlauf ein idealer Pausenpunkt an, Wasser fassen, Füße abkühlen im eiskalten Quellwasser, bei diesen ständig steigenden Temperaturen stets eine Wohltat. Wir lassen uns Zeit und genießen die Ruhe, heute sind es ja insgesamt «nur» 42 Kilometer.

Die Straße wird immer besser befahrbar, die drei Kilometer zur Rodelalm auf 1.850 Meter mit nur 5% sind mittlerweile ein leichtes Spiel für uns. Auch die Beine sind wieder locker, alles im grünen Bereich. Wir genießen das Panorama, welches sich vor unseren Augen erschließt, die typischen schroffen Bergspitzen der Dolomiten mit dabei der Peitlerkofel auf 2.875 Meter und natürlich die Einsamkeit hier oben. Auf der Alm gönnen wir uns erst einmal eine kalte Apfelschorle, wir haben ja gelernt, immer schön viel trinken! Wir sitzen auf einer Holzbank und genießen die Sonnenstrahlen auf unserer Haut. Zwei Tische rechts von uns unterhalten sich recht rege vier Einheimische über Gott und die Welt. Der Wirt steht hinter dem Tresen, zapft gerade ein frisches Bier und hört der Unterhaltung zu. Ab und zu murmelt er etwas in seine langen Bart hinein, verstehen kann ich ihn nicht. 

Es werden dann doch zwei Apfelschorle, bevor es endlich wieder weiter geht. Dieses Mal weiter bergab. Zunächst folgen wir der Straße bis zum Russiskreuz auf 1.729 Meter. Uns kommt auf einmal eine ganze Kolonne an Fahrzeugen mit blinkenden Warnlichtern entgegen, das alles sieht irgendwie interessant und gleichzeitig auch merkwürdig aus. Die Fahrzeugflotte kommt näher und fährt dann langsam an uns vorbei, bis wir kapieren, was da abgeht. Ein Fahrzeug mit Warnblinker voraus, ein Bus mit offener Hintertür folgend, danach 2 Rennradfahrer sehr dicht am Bus und noch ein typisches Begleitfahrzeug mit kompletten Rennräder und Ersatzreifen auf dem Dach, wie man es aus der «Tour de France» her kennt. Und was soll das Ganze? Die drehten einen Film! Die Crew sitzt mit der befestigten Kamera im Bus, filmt die beiden Rennradfahrer und deren Begleitfahrzeug, wie sie sich den Pass hochquälen. Die beiden Fahrer grüßen uns höflich und winken uns zu, als wir bei ihnen vorbei kommen. Sie sehen trotz der Steigung sehr entspannt aus. Aber so schnell sie alle da waren, so schnell sind sie auch wieder weg. Bin mal gespannt, ob wir den Film jemals zu Gesicht bekommen. 

Am Russiskreuz, direkt in einer Linkskurve, biegen wie auf einen Schotterweg ein, der es in sich hat. Diesmal, zum Glück, fahren wir hinunter und nicht hinauf bis nach St. Magdalena! Der Weg lässt sich klasse fahren, ab und zu eine Bodenwelle die wir benutzen, um mit den Bikes zu springen. Das ganze macht einen Mordsspass und ist leider viel zu schnell vorbei, wie immer, bei den guten Dingen im Leben. Wir kommen aus dem Wald heraus und blicken auf ein typisches Bild der grandiosen Dolomiten-Landschaft, der Geislergruppe.

Sie ist ein Bergmassiv der Dolomiten zwischen dem Villnößtal im Norden und dem Grödnertal im Süden. Die Geislergruppeliegt im Naturpark Puez-Geisler. Als Hauptgipfel der Gruppe gilt der Sass Rigais mit 3.025 Meter Höhe, dessen Gipfel als einziger in diesem Bergmassiv über zwei markierte Klettersteige bestiegen werden kann.

Einfach gewaltig! An einer Kapelle machen wir kurz Halt, um dieses Bergmassiv mit unserem Foto einzufangen.

Gleichzeitig nehmen wir die Gelegenheit war, unsere Flaschen an einem Wasserhahn aufzufüllen. Es sind wieder 30 Grad im Schatten, ein strahlend blauer Himmel über uns und einem faszinierenden Blickfeld um uns. Einfach nur traumhaft schön hier. 

Jetzt folgen insgesamt 7 Kilometer harte Arbeit. Kurz nach St. Magdalena geht es erst einmal ein kleines Sträßchen, dann auf Schotter steil nach oben. Zum größten Teil können wir den Weg aber fahren. An einem kleinen Bachlauf kühlen wir uns etwas ab, denn es wird immer wärmer. Dann weiter auf Schotter, Meter um Meter an Höhe gewinnend. Auf einmal endet der Weg im Nichts! Wir stehen sprachlos auf einer Höhe von 1.850 Meter vor einer Rampe, die mehr einer Leiter entspricht, als einem Wanderweg. Eine Familie kommt hinab geklettert und schaute uns verdutzt an: „Mit den Fahrrädern wollt ihr da hoch – verrückt und unmöglich.” Unmöglich ist für uns nix, aber verrückt sind wir schon ein bisschen und die Schieberei und Plagerei geht los. Mehr als 30% Steigung auf holprigen Wurzeln und Steinplatten fordern die letzen Reserven von uns. Ab und zu kommen uns Wanderer entgegen. Einige staunen, andere schütteln den Kopf, aber alle wünschen uns dennoch eine gute weiterfahrt. Schritt für Schritt, langsam vorankommend, der Schweiß tropft gerade so aus allen Poren, wird der Weg, je höher wir kommen, immer besser. Ganz oben können wir sogar ein Stückchen fahren. Die Brogselhütte auf 2.045 Meter ist erreicht, durchgeschwitzt, völlig außer Atem, aber mit einer inneren Begeisterung und Genugtuung haben wir die Alm, aber noch nicht den Gipfel (2.125), erreicht. Das waren jetzt auf insgesamt einem Kilometer 200 Höhenmeter. Was für eine geile Bergwelt sich uns hier bietet, kann man kaum in Worte fassen. Ich selbst schreibe hier gerade diesen Bericht und beim Ansehen der Bilder läuft mit ein kleiner Schauer über den Rücken – ein Freudenschauer. Ich will wieder weg, hinaus in die sagenhafte Natur, doch ein Blick aus dem Fenster meines Büros zeigt mir 20 cm Schnee, wir haben Winter.

Wir lassen die Gelegenheit natürlich nicht aus, etwas auf der Hütte zu trinken, Hunger haben Jürgen und ich aber keinen. Es ist früher Nachmittag und es sind laut Plan nur noch 15 Kilometer bergab nach St. Ullrich. Also lassen wir uns richtig viel Zeit und genießen das Panorama und die Mittagssonne. Wir freuen uns schon auf die Abfahrt, doch zuvor müssen wir noch eine kleine Rampe überwinden. Von der Alm aus geht es dem auf den Brogles Sattel mit seinen 2.119 Meter entgegen, wir können gerade so im Sattel bleiben, haben es dennoch geschafft ohne abzusteigen. Erst jetzt erblicken wir die vor uns liegende Abfahrt. 

Der Downhill ist ein toller, absolut genialer Trail, wir sind fast geneigt zu sagen, es war bis zum heutigen Tag einer der besten unserer Alpentouren. Gleich zu Beginn viel Flow, enge kurze Kurvenkombinationen, nur ab und zu liegen Felsbrocken im Weg. Wir kommen uns vor wie in einer kleinen Bobbahn, der Weg ist teilweise ausgewaschen und formt sich zu einer Fahrrinne. Zwei bis drei Mal steigen wir insgesamt vom Rad, freiwillig. Wir müssen stehen bleiben, sonst verkrampfen unsere Hände vom Bremsen. Wir sehen zu unserer Linken die Seceda. Ein nördlich begrenzender Berg mit weitläufigem Almgebiet in der Geislergruppe. Die Bergspitze (2.519 Meter) befindet sich auf dem Gemeindegebiet von St. Ulrich an der Grenze zu St. Christina in Gröden. Über 40 Millionen Jahre Erdgeschichte können in den Schichtfolgen der Seceda beobachtet werden.

Der Weg wird breiter, verwandelt sich in eine grobe Schotterstrecke, die dennoch klasse zu fahren ist. Wir müssen nur auf Wanderer aufpassen, die ab und zu unseren Weg kreuzen. Viele waren es aber nicht und den Spaß an der Abfahrt haben sie nie genommen. Wir kommen an der Bergstation eines Skiliftes vorbei, dann geht ein Wiesentrail auf einer Skipiste runter, und das Ganze auf einer Länge von 8 Kilometer! Es ist eine schwarze Piste. Schwarze steht für eine Skipiste, die nur für Profis beziehungsweise besonders guten Skifahrer geeignet ist. Es geht brutal steil hinab, mit dem Bike problemlos fahrbar, nur der «Allerwerteste» muss öfter hinter den Sattel. Wir erkennen von weitem schon die Talstation, noch einmal Endspurt auf schmalem Pfad hinab – man war das eine Abfahrt! 

Fast 1.000 Höhenmeter auf einer Länge von circa 15 Kilometer haben wir vernichtet und jeden Meter genossen. Am liebsten würden wir mit der Gondel nochmals hinauf fahren, um dann die Abfahrt erneut bewältigen zu können. Wir überlegen kurz. Es würde leider insgesamt zu lange dauern, deshalb geht es weiter. Von der Talstation führt uns ein Sträßchen hinunter ins Tal. In St. Ulrich, unserem heutigen Etappenziel halten wir an und wollen uns gebuchtes Hotel suchen. Ich habe ganz zart in Erinnerung, dass es etwas außerhalb an einem Berghang sein muss – habe es aber irgendwie verdrängt oder verdrängen wollen. Ein Blick auf das GPS-Gerät verrät das Unheil – denn es sind nochmals 3,5 Kilometer mit 210 Höhenmeter hinauf – zum Glück dieses Mal auf Asphalt! Und das am Ende des schon Erlebten. Was wir aber auch wissen, dass ein super Schwimmbad auf uns wartet, das spornt an. Der Verkehr lässt nach, je weiter wir St. Ulrich verlassen. 40 Minuten später erreichen wir ausgelaugt das «Hotel Scherlin»

Das Hotel ist erste Sahne, toller Service, klasse Zimmer und einen top Wellness Bereich. Im Panoramahallenschwimmbad lockern wir uns erst mal aus und genießen dabei den Blick auf die grandiose Bergwelt. Es wird Zeit, wie gehen auf unsere Zimmer duschen und machen uns fertig für den Abend. Das erstklassige Abendessen bringt verlorene Energie zurück und füllt die Speicher wieder mit Vitaminen und Mineralien auf. So erholt sich der Körper langsam von den Strapazen des Tages. Der Sonnenuntergang lädt auf die Terrasse ein, in einem Liegestuhl genießen wir das Panorama der rot schimmernden Gipfel. War das wieder mal ein toller Tag voller phantastischer Eindrücke, die erst einmal verarbeitet werden müssen.

 


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